Die Kamille spielte in vielen Kulturen eine bedeutende Rolle und wurde nicht nur als Heilpflanze, sondern auch als symbolische und spirituelle Pflanze geschätzt. Ihre strahlenförmigen Blüten, die an kleine Sonnen erinnern, führten dazu, dass sie häufig mit Licht, Wärme, Erneuerung und Lebenskraft verbunden wurde. In der Volksmedizin galt sie als sanftes Heilmittel, das nicht nur körperliche Beschwerden lindern, sondern auch Trost, Ruhe und Ausgleich bringen könne.
Bereits in alten Hochkulturen war Kamille bekannt. Im alten Ägypten wurde sie als heilige Pflanze verehrt und dem Sonnengott Ra geweiht. Man nutzte sie sowohl als Heilpflanze gegen Fieber und Entzündungen als auch als Bestandteil ritueller Zubereitungen. Kamillenblüten wurden in Heiltränken und Salben verarbeitet und fanden sogar Verwendung bei Einbalsamierungen. Aufgrund ihrer Verbindung zur Sonne galt sie als Pflanze, die Lebenskraft und Schutz symbolisierte.
Antike Griechen und Römer gaben der Kamille einen besonderen Stellenwert unter den Heilkräutern. Der griechische Arzt Hippokrates und später Dioskurides beschrieben ihre Anwendung bei Verdauungsbeschwerden, Entzündungen und Frauenleiden. Der Name „Chamomilla“ leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet sinngemäß „Erdapfel“, da der Duft der Blüten an Äpfel erinnert. In der römischen Kultur wurde Kamille außerdem als Duftpflanze und Badezusatz genutzt.
Bei den Kelten und den Germanen galt Kamille als Sonnenpflanze und wurde mit heilenden und schützenden Kräften in Verbindung gebracht. Man nutzte sie sowohl in Heiltränken als auch in Räucherungen und Kräuterbündeln, die Haus und Hof vor Krankheit, Unheil und bösen Einflüssen bewahren sollten. In manchen Überlieferungen wurde sie zudem als Pflanze der Reinigung, des Schutzes und der Erneuerung angesehen und bei rituellen Waschungen oder Kräuterbädern verwendet.
Im mittelalterlichen Europa, insbesondere in der Klostermedizin, wurde die Kamille erneut zu einer der wichtigsten Heilpflanzen gekürt. Sie war Bestandteil vieler Kräutergärten und wurde von Kräuterkundigen, Mönchen und Heilkundigen kultiviert. In alten Kräuterbüchern wurde sie oft als „Heilkraut für viele Leiden“ beschrieben. Hildegard von Bingen und andere mittelalterliche Gelehrte erwähnten ihre beruhigenden und entzündungshemmenden Eigenschaften.
In der europäischen Volksüberlieferung wurde Kamille außerdem als Schutzpflanze gegen Unglück und Krankheit betrachtet. In manchen Regionen glaubte man, dass Kamille im Haus negative Energien vertreiben könne. Deshalb wurde sie in getrockneten Kräuterbündeln aufgehängt oder bei Räucherungen verwendet. Solche Räucherungen sollten Räume reinigen, Harmonie fördern und das Wohlbefinden der Bewohner stärken.
Auch in Volksbräuchen und ländlichen Traditionen spielte Kamille eine Rolle. Sie wurde häufig in Kräuterbüscheln zu religiösen Festen gebunden, beispielsweise zu Mariä Himmelfahrt, wenn vielerorts sogenannte Kräuterbuschen geweiht wurden. Diese Bündel wurden anschließend im Haus aufbewahrt und galten als Schutz gegen Krankheit, Unwetter oder andere Unglücke.
In manchen europäischen Sagen galt Kamille außerdem als Pflanze der Bescheidenheit und der inneren Stärke. Ihr Wachstum wurde mit einer besonderen Eigenschaft verbunden: In der Volksweisheit hieß es, dass Pflanzen in ihrer Nähe besonders gut gedeihen. Daraus entstand im englischen Sprachraum das Sprichwort: „Like a chamomile bed, the more it is trodden on, the faster it grows.“ Sinngemäß übersetzt: Wie ein Kamillenbeet, das umso kräftiger wächst, je mehr man darauf tritt. Dadurch wurde die Pflanze zum Symbol für Widerstandskraft und Erneuerung.
Bis heute wird Kamille mit Ruhe, Geborgenheit und Heilung verbunden. Ihr milder Duft und ihre sanfte Wirkung haben dazu beigetragen, dass sie über Jahrhunderte hinweg eine feste Rolle in Volksmedizin, Brauchtum und kulturellen Überlieferungen behalten hat.