Der Bergmann

Arbeit im Herzen der Erde

Wo immer Menschen Metall gewinnen, Salz sieden oder Kohle verfeuern wollten, standen Bergleute am Anfang der Wertschöpfungskette. Das alte Handwerk der Bergleute prägte Landschaften, Städte, Handelswege und nicht zuletzt Sozial- und Kulturgeschichte vom Neolithikum bis zur digitalen Gegenwart. Seine Geschichte ist eine Geschichte technischer Erfindungen, riskanter Innovationen und starker Gemeinschaften, die sich in dunklen Stollen aufeinander verlassen mussten.
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Von Feuersteinbrüchen und Kupfergruben: die ersten Erzsucher

Archäologische Funde belegen, dass bereits vor rund 9 000 Jahren Menschen Feuerstein im Tagebau abbauten. Steinbeile aus dem Lager von Spiennes (Belgien) oder Gruben am Grime’s Graves im heutigen England zeigen frühe Organisation: Schächte, Zwischensohlen und Abraumhalden entstanden, um begehrtes Werkzeugmaterial zu sichern. Der frühste Untertagebergbau im Schwarzwald wird auf die Zeit um 5000 v. Chr. datiert und belegt den Abbau von Hämatit und Roteisenstein.

Mit der Kupfer- und Bronzezeit wuchs der Aufwand erheblich: Schächte bis 60 Meter Tiefe, wie in der slowakischen Grube Špania Dolina, zeugen davon, dass sich bereits um 2 500 v. Chr. echte Bergbautechnik entwickelte. Holzzimmerungen, Lederschuhe, Meißel aus Hirschgeweih und Feuer verrieten das handwerkliche Repertoire der frühen Bergleute und hinterließen ein erstes Echo des künftigen Berufstandes.

Antike Großunternehmen: Silber für Athen, Salz für Rom

Die Athener Silberminen von Laurion waren um 500 v. Chr. Staatsbetrieb und Finanziers der Akropolis wie der Schiffe bei Salamis. Tausende Sklaven schufteten in engen Gängen, während spezialisierte freie Bergleute Planung, Entwässerung und Ofenbau leiteten. Die Römer perfektionierten „Ruina montium“: Berge wurden unterhöhlt, mit Wasserfluten gesprengt, Erze mittels Sklavenketten aus den Tiefen heraus geschafft.

Salzbergwerke bei Hallstatt oder Bad Reichenhall wiederum waren in der Hand der Kelten, ehe römische Verwaltungen systematische Förderquoten, Knappschaften und Holzrechte einführten. Schon damals galt: Ohne sichere Gestänge und Belüftungsschächte war Bergbau tödlich, weshalb frühe „Berggesetze“ auf Schutzmaßnahmen drängten, sozusagen als ein Vorläufer moderner Arbeitssicherheit.

Bis zum 12. und 13. Jahrhundert lag das Hauptaugenmerk des Bergbaus auf der Gewinnung von Kupfer und Eisenerzen. Erst nach dieser Zeit werden um Aachen und Dortmund werden Quellen zum Abbau von Steinkohle erwähnt, welche jedoch zuerst vorrangig von örtlichen Bauern im Nebenerwerb („Kohlengräber“) und auch sehr oberflächlich betrieben worden sein soll.

Mittelalterliche Blüte: Bergfreiheit und Knappschaft

Mit dem Niedergang der Antike veränderten sich viele Gruben, doch ab dem 10. Jahrhundert zogen neue Silberfunde Siedler in Gebirge wie Harz, Erz- oder Schwarzwald. Herrscher lockten Arbeiter mit Bergfreiheit: Steuererlasse, eigenes Gericht (Berggericht) und das Recht, Holz und Wasser zu nutzen. Bergordnungen regelten Werkzeug, Hauerlöhne und die „Teufe“ des Schachtes.

Aus diesen Vorschriften wuchs der Berufstitel Bergmann; Lehrlinge wurden „Knappen“, erfahrene Arbeiter „Hauer“ und Aufsichtspersonen „Steiger“. Die Knappschaftskassen jener Zeit sind einer der ältesten Sozialversicherungszweige Europas: Ein Teil des Erzes floss in Solidarkassen, die bei Unfall, Krankheit oder Tod unterstützen. Dies kreierte einen existenzieller Schutz im riskanten Gewerbe.

Edelsteinsucher: Die glitzernde Seitenlinie der Bergmänner

Neben Erz, Salz oder Kohle trugen Bergleute seit dem Mittelalter auch funkelnde Schätze ans Licht. In Idar-Oberstein schlugen Hauer ab dem 14. Jahrhundert Achat, Jaspis und Amethyst aus Porphyrgängen und richteten sie in wassergetriebenen Schleifmühlen. Es entstand eine Symbiose von Berg- und Schleiferhandwerk, die den Ort zum europäischen Zentrum der Edelsteinbearbeitung machte. Ähnlich verband der smaragdreiche Habachtal-Stollen im Salzburger Land das Leben unter Tage mit der Kunst der „Smaragdschneider“, während böhmische Bergknappen Granatadern für die Prager Goldschmiede freilegten. Selbst schottische Cairngorm-Quarze oder finnische Spectrolithe wurden von Bergleuten gewonnen, bevor sie den Weg in höfischen Schmuck fanden. So zeigt die Edelsteinsuche, dass der Beruf des Bergmanns nicht nur Energie und Metalle, sondern auch Europas Juwelenkultur maßgeblich geprägt hat.

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Technikschübe: Wasserkunst, Schießpulver und Saigerverfahren

Der mittelalterliche Bergmann war zugleich Ingenieur. Mit hölzernen Gesetzen (Pumpenkaskaden) hoben sogenannte Wasserkünste Grubenwasser aus Schächten. Kunsträder übertrugen Drehbewegungen hunderte Meter tief. Die Einführung des Schießpulvers in Mitteleuropa (16. Jh.) ersetzte das Feuersetzen und beschleunigte Vortrieb, während das Saigerverfahren in Mansfeld erstmals Kupfer und Silber chemisch trennte.

Technische Innovationen schufen neue Facharbeiter: Zimmerlinge bauten als spezialisierte Kombination aus Hauer und Zimmermann Ausbauwerke, Rad- und Kunstzieher bedienten Pumpen, Schmiede hielten Eisenwerkzeuge scharf. Bergmannstraditionen wie der „Grubenlampensegen“ oder die Figur der heiligen St. Barbara, verbreiteten sich europaweit und stärken noch heute die berufsständische Identität.

Gesellschaftliche Rolle: Arbeiterbewegung und Pioniergeist

Die Bergmannskultur formte ein enges Gemeinschaftsgefühl. Dialektwörter („Buttenträger“, „Kumpel“), Trachten (schwarzer Anzug mit Grün und Weiß), Feste wie der Barbara-Tag am 4. Dezember und Bergparaden verbanden Menschen unterschiedlichster Herkunft.

Gleichzeitig war der Bergmann Beruf und politisches Subjekt: 1889 legte ein Streik im Ruhrrevier die Kohleförderung lahm und forcierte das preußische Berggesetz von 1892. Der Bergbau meinte nicht nur Kohle. Erzgruben im Siegerland, Zinn im Erzgebirge, Kalibergwerke in Thüringen oder Schieferbrüche in der Eifel stützten ganze Regionen. Und jeder Zweig entwickelte eigene Lieder und Traditionen, Werkzeugformen und Gefahren.

Aussichtsturm Barbaraturm Grube Bindweide

Foto: Barbaraturm, ehemaliger Förderturm als Aussichtsplattform,
nahe dem Besucherbergwerk Grube Bindweide / Steinebach an der Sieg

Industrielle Revolution: Dampf, Stahl und Schichtarbeit

Als im 18. Jahrhundert das Holz als Brennstoff knapper und Steinkohle für die Eisengewinnung genutzt wurde, beschäftigte man sich intensiver mit dem Abbau von Steinkohle und legt Stollen und Schächte an, die jedoch nur bis zum Grundwasserspiegel reichen. Hier griffen nun die Kenntnisse der Erzbergbaugebiete und ihrer Fachleute ein, um die Ausbeute zu verbessern.

Als James Watt 1769 die Kondensationsdampfmaschine patentierte, dauerte es keine 20 Jahre, bis erste Maschinen im Tiefbau Wasser aus Kohlegruben pumpten. Damit war der Weg frei für Tiefbauschächte von mehr als 500 Metern.

Ein weitaus größeres Problem bestand jedoch im Transport der abgebauten Kohlen. Der Straßenbau war noch nicht weit genug fortgeschritten, so dass die Kohlen mit Pferden abtransportiert werden mussten, welche erst später (durch Verbesserung der Straßen) durch Pferdewagen ersetzt werden konnten. Ein weiterer großer Schritt war die Schiffbarmachung der Ruhr 1780, was sich zum einen leichter, aber auch günstiger gestaltete.

Eisenbahnen verkürzten Transportwege, Koks ersetzte Holzkohle in Hochöfen. Stahl und Kohle wurden Synonyme industrieller Macht. Im Ruhrgebiet erhöhte sich die Belegschaft von wenigen Tausend um 1800 auf über 300 000 Bergleute um 1913. Schichtsysteme, Stechuhr und Lohnzettel ersetzten Akkord „auf Zeche“. Aber der Beruf blieb gefährlich: Schlagwetter, Kohlestaub-Explosionen, Grubenbrände forderten Zehntausende Leben. Gewerkschaften wie der ADAV oder die Knappenvereine erkämpften schließlich das Achtstundensystem, Bergpolizeiverordnungen und Grubenwehr.

20. Jahrhundert: Mechanisierung, Energiekrisen, Strukturwandel

Elektrische Fördermaschinen, Pressluft-Hämmer, Hobel- und Schrämmaschinen steigerten Ausstoß, reduzierten jedoch körperliche Arbeit. Nach 1945 sorgten Wiederaufbau und Wirtschaftswunder für Spitzenwerte. 1957 erreichte der deutsche Steinkohlenbergbau 150 Mio. Tonnen. Doch billige Importe und Ölkrisen führten zu Zechenschließungen („Kohlepfennig“, Montanunion). Der Beruf des Bergmanns wandelte sich von Hunderttausenden Hauerstellen zu hochspezialisierten Teams für Fördertechnik oder Geotechnik. Mit der Schließung der letzten Steinkohlezechen in Deutschland 2018 endete eine Ära, doch Salz, Kali, Quarzsand und Rohstoffe für Handyakkus halten Bergleute weiterhin im Einsatz.

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Moderne Bergleute: High-Tech unter Tage

Der heutige „Untertage-Ingenieur“ überwacht kilometerlange Förderbänder per Kamera, nutzt 3-D-Laserscanner für Streckenkarten und trägt leichte Atem-Self-Rescuer statt schwerer Filtergeräte. Tunnelbohrmaschinen fräsen zwölf Meter breite Röhren durch Gebirge, autonom fahrende Grubenloks bewegen Erze zum Schacht. Gleichzeitig rückt Nachhaltigkeit in den Fokus. Grubengas wird zu Strom, Resthohlräume dienen als Wärmespeicher oder für die Untertage-Entsorgung. Rohstoffknappheit, etwa für Seltene Erden oder Lithium, lässt Bergbau in Europa wieder an Bedeutung gewinnen, wenn auch mit strengeren Umwelt- und Arbeitsschutzstandards als je zuvor.

Tradition im Wandel beim Beruf des Bergmanns

Vom steinzeitlichen Hornmeißel bis zum vollautomatischen Förderband war es ein langer Weg. Der Bergmann blieb über Jahrtausende Innovator, Risikoträger und Garant für Wachstum. Sein Handwerk hat Landschaften geformt, technische Revolutionen angestoßen und soziale Sicherungssysteme inspiriert. Auch wenn Förderkörbe heute seltener Menschen als Maschinen transportieren, lebt der Geist der „Kumpel“ in Trachtenvereinen, Bergbaumuseen und Energiespeicherprojekten weiter. Die Geschichte des Bergmanns zeigt eindrucksvoll, wie sich ein altes Handwerk immer wieder neu erfindet: tief verwurzelt im Fels und doch ständig in Bewegung.

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