Holunder war im alten Handwerk eine vielseitige, weit geschätzte Nutzpflanze, die in zahlreichen Gewerken praktische Anwendung fand. Besonders das Holunderholz, leicht, zäh und gut zu bearbeiten, war ein bevorzugtes Material für kleinere Werkzeuge.
Drechsler fertigten daraus Spindeln, Griffe, Nadeln und Kämme, während Pfeifenmacher und Instrumentenbauer die markhaltigen Zweige nutzten, deren weiches Mark sich leicht herausdrücken ließ. Das Material aus dem Holunder galt als ideal für Flöten, Pfeifen, Blasrohre oder filigrane Hohlstücke. Auch im Weber– und Schnitzerhandwerk kamen die glatten, hellen Zweige als Schäfte, Spulendübel oder kleine Verbindungsteile zum Einsatz.
Das Holundermark selbst diente in mehreren Gewerken als Polster- und Hilfsmaterial. Goldschmiede und Uhrmacher verwendeten es als weiches Unterlagematerial für empfindliche Arbeiten; es ließ sich leicht formen und bot sanften Halt für feine Stücke. In der Papier- und Buchherstellung nutzten Handwerker ausgelaugtes Holundermark als sanftes Reinigungsmittel für Druckplatten und Werkzeuge, weil es Farbreste aufsaugte, ohne die Oberfläche zu beschädigen.
Eine bedeutende Rolle spielten auch die Blüten, Beeren und die Rinde. Färber nutzten Holunder schon früh als Färbepflanze: Die Beeren ergaben je nach Beize sanfte Violett-, Blau- oder Grautöne, während die Rinde zum Gelb- und Brauntönen genutzt wurde. Bei Seifensiedern und in Textilwerkstätten diente ein Auszug aus Blüten oder Beeren als mildes Klarwasser zum Ausspülen feiner Stoffe. Böttcher, Küfer und Schuster schätzten Holunderlaub als geruchsbindendes Lagerkraut, das Motten fernhielt und Lederspäne frisch halten ließ.
Nicht zuletzt fand Holunder Verwendung im hauswirtschaftlichen Bereich und dem Alltags-Handwerk der Bauern. Die Beeren wurden zu Sirup, Mus und Farbe verarbeitet; die Blüten dienten zum Aromatisieren von Gebäck und Getränken, was für Bäcker und Wirtsleute von Bedeutung war. Wandernde Handwerksgesellen führten getrocknete Beeren oder Blüten im Proviant mit, da sie leicht konservierbar und vielseitig einsetzbar waren.