Färberwaid war über Jahrhunderte die wichtigste europäische Pflanze zur Herstellung von blauem Farbstoff, bevor der Indigostrauch ihn ablöste. Aus seinen fermentierten Blättern gewann man den begehrten Waidblau-Farbstoff, der vor der Einführung des importierten Indigos die zentrale Quelle für blaue Textilien war.
Im Färbergewerbe wurden die Blätter zunächst zerkleinert, zu Ballen („Waidkugeln“) geformt und mehrere Wochen fermentiert. Durch diesen aufwendigen Prozess entstand eine Farbküpe, in der Wolle, Leinen oder später Baumwolle zu blauen und blaugrünen Tönen gefärbt wurden. Das charakteristische Gelb-Grün der Küpe schlug erst beim Kontakt mit Sauerstoff in ein tiefes Blau um. Dieser faszinierende Vorgang, galt in den Färberstuben als fast „alchemistisch“.
In Färberwerkstätten wurde die Farbe durch aufwendige Bäder auf Stoffe übertragen. Der Blauton aus Waid galt als Symbol für Wohlstand. Waid war in Thüringen, der Normandie, Flandern und England ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und wurde systematisch angebaut, mit eigenen Färbehöfen, Waidmühlen und spezialisierten Handwerkerfamilien.
Im Tuchmacher- und Wollgewerbe war Waid unentbehrlich. Von Bauernleinen über Zunftkleidung bis hin zu Uniformstoffen färbte man nahezu alle hochwertigen blauen Tuche mit Waid. Auch im Stoffdruck fand Waid Verwendung, etwa in Reservetechniken oder als Unterfärbung für komplexe Muster. Im Buchmaler- und Malerhandwerk wurde aus Waid ein frühes, stabiles Blau für Tempera- und Leimfarben gewonnen, das vor allem für Hintergründe, Ornamente und Illuminationen genutzt wurde.
Darüber hinaus hatte Waid Bedeutung im Haus- und Kleinhandwerk, Bauern färbten mit ihm Alltagskleidung, Kordeln, Bänder oder Garn. In ländlichen Regionen wurden sogar Holzgegenstände, Körbe oder Werkzeuge mit verdünnten Waidlösungen leicht getönt, um ihnen einen graublauen, schützenden Anstrich zu verleihen.
Selbst die Nebenprodukte des Waidhandwerks blieben nützlich. Die ausgepressten Pflanzenreste dienten als Dünger, Kompostzusatz oder Brennmaterial in Färbereien.