Die Süßdolde, auch Myrrhenkerbel oder Süßfenchel genannt, war in Antike und Mittelalter ein geschätztes Duft- und Schutzkraut, das in verschiedenen Überlieferungen eine sanfte, aber beständige Symbolkraft trug. Schon in der Kräuterkunde von Römern und Griechen galt sie als Pflanze der Klarheit und des Wohlstands, deren süßes Aroma Geist und Haus „freundlich stimmen“ sollte. Durch ihren an Anis erinnernden Duft wurde sie mit Reinheit und heiterer Ordnung verbunden und galt als ein Kraut, das „gute Luft“ und damit innere Harmonie brachte.
Im frühen Mittelalter wurden Liebestränke und Talismane mit Süßdolde angereichert. In Culpepers „The Complete Herbal“ (1653) heißt es, die Wurzel, mit Öl und Essig zubereitet, „rejoiceth and comforteth the heart“ und stärke Mut und Lebenslust.
Man hängte getrocknete Büschel über Türen und in Vorratskammern auf, um Unfrieden, Neid und „schwere Gedanken“ fernzuhalten. Ihr süßer Duft galt als Zeichen guter Hausgeister und wurde besonders in Übergangszeiten, etwa zum Frühlingsbeginn und zur Sommersonnenwende, genutzt, um Häuser zu segnen oder Räume zu reinigen. In manchen Gegenden streute man Süßdoldenblätter in die Herdstelle, um Streit zu besänftigen und die Hausgemeinschaft zu stärken.
Eine weitere, ältere Tradition sah in der Süßdolde eine Pflanze der milden Weissagung. Da sie zu den ersten aromatischen Kräutern des Jahres gehörte, glaubte man, ihr Erscheinen deute auf ein gutes, warmes Jahr hin. Besonders üppiger Wuchs galt als Omen für Fruchtbarkeit und Wohlstand sowohl für das Land als auch für die Familie. Umgekehrt deutete man ein schwaches Erscheinungsbild des Krauts als Warnzeichen für ein schwieriges Sommerhalbjahr.
Im christlich geprägten Volksglauben des Hochmittelalters bekam die Süßdolde schließlich einen Platz als „sanftes Marienkraut“, das Reinheit und Fürsorge symbolisierte. Ihr Duft wurde gerne in Kräuterbuschen zu Mariä Himmelfahrt aufgenommen, da man ihr eine Schutzkraft gegen dunkle Gedanken, Neid und Krankheit zuschrieb.