Senf galt als Pflanze der Hoffnung und Fruchtbarkeit. Er wurde als Schutz gegen Neid und böse Blicke in Saatkörnern bei der Aussaat untergemischt. Im Mittelalter schrieb man ihm eine kräftigende Wirkung für Geist und Seele zu; Patienten trugen kleine Senfkörner in Säckchen als Talisman bei sich. Man glaubte, dass Saatgut, das den Hausbesitzer beim ersten Sonnenstrahl berührt, Wohlstand und Gesundheit ins Haus bringe und böse Geister fernhalte.
Der weiße Senf (Sinapis alba) begleitete die Küche und Heilkunde bereits in der Antike: Römer zermahlen seine hellen Samen, vermengten sie mit Most zu einer milden Würzpaste und verfeinerten damit Garum-Saucen. Mittelalterliche Klostergärten zogen das raschwüchsige Kraut als Verdauungstonikum und Tischgewürz; sein süßlich-sanfter Geschmack machte es zum Favoriten für Feinkorn-Senfe.
Ab dem 18. Jahrhundert setzte sich weißer Senf in Nord- und Mitteleuropa großflächig durch, weil seine spät platzenden Hülsen sich maschinell dreschen ließen. Landwirtschaftlich diente er zugleich als Gründüngung, Bodenlockerer und Bienenweide. Ausgepresstes Senföl lieferte Lampenbrennstoff sowie Rohstoff für Seifen und Salben.
In der Volksmedizin galten milde Umschläge als Muskelbalsam, ohne die Haut so stark zu reizen wie schwarzer Senf. Heute ist Sinapis alba Hauptquelle für gelben Tafel-, Würstchen- und englischen Senf, Bestandteil vieler Currymischungen, Futterpflanze mit eiweißreichem Grün und seine Samen bereichern Wintermischungen für Singvögel.