Während „Lein“ eher als der Name der Pflanze im Bereich der Nährstoffversorgung darstellt, ist im alten Handwerk eher von „Flachs“ die Rede. Flachs war über viele Jahrhunderte der wichtigste Rohstoff für Textilien in Europa. Die langen Bastfasern der Pflanze wurden zu Leinen verarbeitet, was ein festes, atmungsaktives Gewebe ist.
Die harte Arbeit vom Anbau bis zur fertigen Leinwand war ein eigener Wirtschaftszweig. Noch heute findet man in alten Bauernhäusern Flachsbrechen oder Spinnräder. Auch der Rückstand (Schäben) wurde genutzt, z. B. als Einstreu.
Lein beziehungsweise Flachs war eine der zentralsten Kultur- und Werkstoffpflanzen des alten Handwerks und prägte über Jahrhunderte ganze Gewerbe, Landschaften und Wirtschaftsräume. Die Fasergewinnung war ein komplexer Arbeitsprozess, der mehrere spezialisierte Tätigkeiten umfasste: Nach der Ernte wurden die Stängel geröstet, gebrochen, geschwungen und gehechelt, um die langen, glänzenden Faserbündel herauszulösen. Diese Arbeitsschritte, die von Brechern, Hecheln und Spinnerinnen ausgeführt wurden, bildeten die Grundlage einer der wichtigsten historischen Textilindustrien.
Für Spinner und Weber war Flachs ein unverzichtbares Material. Die gewonnenen Fasern wurden zu hochwertigem Garn gesponnen, das wiederum zu Leinen verwebt wurde, einem robusten, atmungsaktiven Stoff, der für Kleidung, Bett- und Tischwäsche, Säcke, Segeltuch, Zeltbahnen und Arbeitskleidung verwendet wurde. Leinen galt als besonders langlebig und war für Berufsgruppen wie Müller, Bäcker, Schmiede oder Bauern Teil der täglichen Arbeitsausrüstung.
Auch im Handwerk von Seilern, Segeltuchmachern und Fischern spielte Flachs eine große Rolle. Aus den stärkeren Faseranteilen fertigten Seiler belastbare Kordeln, Stricke und Schiffstauwerk. Fischer nutzten Flachs für feinmaschige Netze, die sich gut reparieren ließen und bei Nässe formstabil blieben.
In der Herstellung von Papier war Flachs einer der wichtigsten Rohstoffe. Aus ausgedienten Leintextilien, den sogenannten Lumpen, schöpften Papiermacher feines Büttenpapier. Besonders Schreib- und Druckhandwerk lebte von dieser hochwertigen Grundlage, die Tinten gut aufnahm und Jahrhunderte überdauerte.
Auch das Böttcher– und Polsterhandwerk profitierten von Nebenprodukten des Flachses: Die holzigen Schäben dienten als Streumaterial, Dämmstoff oder als Zuschlag in Lehmbau und Fassabdichtung. Flachsöl bzw. Leinöl, gewonnen aus den Samen, wurde im Malerhandwerk für Ölfarben und Firnisse verwendet und war ein geschätztes technisches Öl für Holzpflege, Lederkonservierung und Werkzeugschutz.
Damit war Lein im alten Handwerk eine der bedeutendsten Nutzpflanzen überhaupt: Rohstoff für Textilien, Seile, Papier, Farben, Öle und Baustoffe, getragen von einem vielstufigen, hochentwickelten handwerklichen System, das zahlreiche Berufsgruppen miteinander verband.