Kerbel galt in der europäischen Volksüberlieferung als ein zartes, aber geistig wirkkräftiges Frühlingskraut, das Reinheit, Neubeginn und innere Klärung symbolisierte. Er war sozusagen das „Glückskraut des Frühlings“. Da er zu den ersten Kräutern des Jahres zählt, schrieb man ihm die Fähigkeit zu, die „Winterlast“ aus Haus und Herz zu vertreiben. Sein frischer, heller Duft und die feingliedrige Blattstruktur galten als Zeichen für Leichtigkeit und geistige Wachheit.
In vielen Regionen wurde Kerbel deshalb als Reinigungskraut des Frühlings genutzt. Ein Sträußchen im Haus sollte abgestandene Energien vertreiben und das neue Jahreslicht willkommen heißen. Als Kräutlein, das in der Karwoche und zu Ostern besonders geschätzt wurde, galt Kerbel als Segensträger, der Familie und Hof Harmonie bringen sollte. Man mischte ihn in Segenssuppen oder Frühlingsgerichte, weil man glaubte, er stärke nicht nur den Körper, sondern auch den inneren Mut und die Gedanken. In einigen Gegenden hieß es sogar, Kerbel könne Verwirrung lösen und „den Blick auf das Richtige schärfen“, weshalb junge Menschen ihn vor wichtigen Entscheidungen essen sollten.
Im Aberglauben wurde Kerbel manchmal als Schutzkraut gegen Streit und Missgunst betrachtet. Ein kleines Büschel an der Haustüre oder in der Herdnische sollte Zwist besänftigen und leise Unruhe im Haus vertreiben. Auch bei Neuanfängen, etwa dem Einzug in ein neues Heim oder dem Beginn des Arbeitsjahres, wurde Kerbel symbolisch verwendet, um Glück und Klarheit zu sichern. Hebammen legten Kerbelsträuße unter Wiegen, um Neugeborene vor Dämonen zu schützen, und Bauern steckten Samen in Geldbeutel, weil die rasch wachsende Pflanze Wohlstand anziehen sollte.