Der Estragon wird als das einzige traditionelle Gewürz der deutschen Küche gesehen, das bei den Römern unbekannt war. Seine ersten Erwähnungen stammen aus dem 2. Jahrtausend vor Chr. im chinesischen Raum. Von dort soll er seinen Weg über die Araber in den Mittelmeerraum gefunden haben und von den Kreuzfahrern mitgebracht worden sein.
Estragon wurde in der Volksüberlieferung vieler Regionen als Schutz- und Kraftkraut geschätzt, dessen Name „kleiner Drache“ bereits auf seine symbolischen Bedeutungen verweist. Obwohl er heute vor allem als Küchenkraut bekannt ist, galt er früher als Bann- und Hüterpflanze, die Stärke, Mut und Wachsamkeit verleihen sollte. Seine feinen, lanzettlichen Blätter wurden als „Drachenzunge“ gedeutet. Man sah darin ein Zeichen dafür, dass Estragon negative Einflüsse „verschlingen“ oder sogar Schlangenbisse abwehren könne.
In Haushalten und Ställen wurde Estragon getrocknet aufgehängt, um Neid, schlechte Stimmung und Hexerei fernzuhalten. Besonders im östlichen und südlichen Europa streute man Estragonblätter an Türen oder mischte sie in Schutzkränze, da man glaubte, das Kraut bewahre Haus und Familie vor Streit und Missgunst. Als Bestandteil von Kräuterbüscheln zu Mariä Himmelfahrt erschien Estragon häufig als reinigende, klarende Pflanze.