Augentrost spielte im alten Handwerk keine direkte Rolle als Werkstoff, war jedoch ein wichtiges Begleitkraut im Alltag vieler Handwerker, besonders jener, die auf präzises Sehen angewiesen waren. Schriftsetzer, Buchmaler, Weber, Schnitzer oder Goldschmiede litten häufig unter müden, gereizten oder überanstrengten Augen, da ihre Tätigkeiten feine Detailarbeit bei oft schwacher Beleuchtung erforderten.
Im Alltag vieler Gewerke wurde Augentrost traditionell als sanftes Augenheilmittel geschätzt: Aus Klostermedizin und Hausapotheke stammten Auszüge oder leichte Umschläge aus den Blüten und Blättern, welche Rötungen lindern, die Sehkraft erholen und die Belastbarkeit der Augen unterstützen sollten. Als Bestandteil traditioneller Augenwässer wurde Augentrost mit destilliertem Wasser, Kornblume oder Kamille kombiniert.
In einigen Regionen dienten Augentrost-Kompressen auch als „Werkstattmittel“, das nach langen Stunden an Webstuhl, Drechselbank oder Schreibpult angewendet wurde. Überliefert ist zudem, dass wandernde Handwerksgesellen Augentrost als Teil kleiner Reiseapotheken mitführten, um bei Ermüdung rasch die Sicht zu regenerieren. Damit war Augentrost kein Handwerksmaterial im engeren Sinn, aber ein geschätztes Regenerationskraut, das die Arbeit vieler feinsinniger Berufe überhaupt erst möglich machte. In Klöstern galt Augentrost zudem als Pflanze, die „nicht nur die Augen, sondern auch das Herz erhellt“. Letzteres ist eine Einschätzung, die auch in der spirituellen Pflanzenverwendung ihren Niederschlag fand.