Historisch gesehen war Johanniskraut aufgrund seines intensiven roten Farbstoffs (Hypericin) eine interessante Pflanze in der Textilfärberei. In der Vergangenheit wurde es gelegentlich zum Färben von Leinen oder Wolle verwendet, um einen zarten, gelblichen bis rötlichen Farbton zu erzielen. Diese Nutzung ist heute kaum noch üblich, da die erzielten Farben nur begrenzt lichtecht sind.
Im Handwerk der Gerber und Leder-Verarbeiter war es ebenfalls geschätzt: Auszüge aus den blütenreichen Spitzen dienten zur milden Reinigung und Pflege feiner Lederstücke, da das Kraut leichte Fette löst und zugleich eine sanfte Schicht auf der Oberfläche hinterlässt. Gerber nutzten Johanniskrautöl zudem, um Handschuhe, Riemen oder dünne Häute geschmeidig zu halten.
Im Farb- und Malerhandwerk war Johanniskraut eine Pflanze von besonderem Interesse. Die frischen Blüten ergeben in Öl ein tiefes Rot, das als „Johannisöl“ nicht nur als Salbgrund, sondern auch als Pigmentträger und Firniszusatz eingesetzt wurde. Maler schätzten die leicht rötliche Tönung für Lasuren oder zum Einfärben dünner Ölfilme. Einige Werkstätten nutzten den Blütensaft als temporäre Markierfarbe auf Holz oder Leder, da er sich nach dem Trocknen gut wieder entfernen ließ.
Auch im Buch- und Papierhandwerk fand Johanniskraut Anwendung. Blütenabkochungen dienten als mildes Färbewasser, um Papiere warmgelb zu tönen oder dekorative Ränder zu gestalten. In kleinen Werkstätten wurde das Kraut außerdem verwendet, um Kleister und Leime leicht zu färben oder angenehmer zu machen, da sein Duft als beruhigend und reinigend galt.
Im Seifen-, Öl- und Hausgewerbe nutzten Handwerker Johanniskraut für aromatische Ölauszüge. Diese farbintensiven Öle dienten als Zusatz für Werkstattseifen, zur Pflege von Holzbrettern und Werkzeuggriffen oder als natürlicher Glanzgeber bei Holz- und Hornarbeiten. Schreiner und Drechsler verwendeten Johanniskrautöl gelegentlich als feinen Polierzusatz, um hellen Hölzern eine warme Tönung zu verleihen.