Der Erdrauch war in der Volksüberlieferung eine Pflanze voll rätselhafter Symbolik, die eng mit Rauch, Übergängen und geistiger Reinigung verbunden wurde. Der Name „Erdrauch“ leitet sich vom lateinischen „fumus terrae“ ab, was „Rauch der Erde“ bedeutet. Dies bezieht sich auf die rauchige Erscheinung der Pflanze oder den tränentreibenden Rauch beim Verbrennen. Ein Bild, das ihn in der Vorstellung vieler Menschen zu einem Grenz- und Schleierkraut machte, das zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt vermittelt.
In zahlreichen europäischen Regionen galt Erdrauch als Räucher- und Bannkraut, das Unheil, Streit und düstere Stimmungen aus Häusern vertreiben sollte. Ein kleines Bündel wurde verbrannt oder im Herdfeuer geschwenkt, um „schwere Luft“, Albträume oder den Einfluss unerwünschter Geister zu lösen. Der feine, leicht stechende Rauch sollte laut Überlieferung besonders wirksam in engen oder dunklen Räumen sein. Deshalb wurde Erdrauch häufig in Kammern, Werkstätten und Ställen verräuchert.
Im volksmagischen Ritual galt Erdrauch als Klarheits- und Befreiungspflanze. Er wurde eingesetzt, wenn Entscheidungen anstanden, alte Bindungen gelöst werden sollten oder man Schutz vor trügerischen Absichten suchte. Besonders junge Menschen erhielten mitunter ein paar getrocknete Zweiglein als „Sichtkraut“, das helfen sollte, verborgene Motive zu erkennen und sich nicht täuschen zu lassen.
Der Pflanze wurden zudem Schutzwirkungen gegen den bösen Blick und seelische Schwäche zugeschrieben. Sie tauchte häufig in Kräuterbüscheln zu Mariä Himmelfahrt auf, wo sie die Rolle eines reinigenden und entstörenden Bestandteils übernahm.
Gleichzeitig existierte auch ein warnender Aberglaube, nach dem der Erdrauch kurz vor der Erntezeit durch ungewöhnlich dunkle oder kümmernde Bestände als Omen aufzeigte, dass schwierige, unruhige Zeiten im Haus oder in der Gemeinde bevorstanden.