Die Brennnessel war in vielen Kulturen ein Kraut starker, oft ambivalenter Symbolik. Ihre schmerzhaft brennenden Haare machten sie zu einer Pflanze der Wehrhaftigkeit und Reinigung, ein Gewächs, das sowohl schützen als auch warnen sollte. In mitteleuropäischen Überlieferungen galt sie als Abwehrkraut gegen Hexerei, Neid und böse Wünsche. Man streute Brennnesseln vor Stalltüren oder legte sie auf den Dachboden, um Viehdieben, üblen Geistern und Unheil die „Stacheln“ entgegenzusetzen. Auch beim Überschreiten von Schwellen, etwa beim Betreten neuer Häuser oder beim ersten Einzug in eine Werkstatt, wurden Brennnesselbündel verbrannt oder ausgeschüttelt, um störende Energien zu vertreiben.
In der Volksmagie der Alpen und des Nordens hatte sie eine starke reinigende Bedeutung: Ein Brennnesselsud galt als „Schutzwaschung“, der Menschen, Haustiere und Werkzeuge von negativer Anhaftung lösen sollte. Besonders in der Walpurgisnacht war es Brauch, Brennnesseln ans Tor oder ans Vieh zu heften, damit Hexen keinen Zutritt erhielten. Ihr stechendes Wesen wurde mit symbolischer Kraft verbunden: Wer Brennnesseln trug, so hieß es, könne nicht leicht belogen oder manipuliert werden.
Zugleich wurde die Brennnessel als Pflanze der Lebenskraft angesehen. Ihre Fähigkeit, selbst auf ausgelaugten Böden üppig zu gedeihen, machte sie in bäuerlichen Überlieferungen zum Zeichen für Fruchtbarkeit, Erneuerung und Durchhaltevermögen. Wer eine Brennnessel im Frühjahr unter das Kopfkissen legte, sollte Mut und Entschlossenheit gewinnen. Junge Handwerksgesellen, die vor einer wichtigen Prüfung oder einem neuen Meister standen, nutzten sie mancherorts als „Kraftkraut“, um innere Stärke und Klarheit zu erhalten.
Mancher Aberglaube warnte jedoch: Die Brennnessel sei ein „ehrliches Kraut“. Wer sich an ihr brenne, tue es niemals zufällig. Sie zeige an, dass jemand unachtsam oder gedanklich abwesend sei. Deshalb galt ein Brennnesselstich auch als kleines Orakel, dass zur Wachsamkeit mahnte und daran erinnerte, die eigenen Schritte nicht leichtfertig zu setzen.