Markantes, duftend Leder

Eines der frühsten „Nebenprodukte“ der Fleischbeschaffung waren die Felle der Tiere. Damit verbunden war auch die frühe Erkundung der Konservierung der Fellhäute sowie der reinen Haut – dem Leder. Bereits um 8000 v. Chr. waren den Menschen der Steinzeit bekannt, dass einige Pflanzen die Eigenschaft hatten, die Häute länger haltbar zu machen. Diese werden bis heute mitunter in der Gruppe der Gerberpflanzen zusammengefasst.

Daneben war bereits ab 6000 v. Chr. die Fettgerbung, die heutige Sämischgerbung, bekannt. Auch die Weißgerbung, also die Gerbung mit Alaun zur Herstellung eines feinen, hellen (weißen) Leders sowie die Lohgerbung (mit Pflanzenrinde) kam schon in dieser Zeit zum Einsatz. Hinweise auf das eigentliche Handwerk des Gerbers finden sich jedoch erst spät. Im 13. Jahrhunderts belegt eine Urkunde aus dem Siegerland eine sogenannte Lohmühle, die auf das Zerkleinern von Baumrinde (Lohe) spezialisiert war, um Gerbstoffe für die Gerberei aus Rinden zu gewinnen. Vornehmlich wurden hier Eichen- und Erlenrinden verwendet, die einen sehr hohen Tanningehalt haben. Auch finden wir in der Folgezeit eine wichtige Stellung des Siegerlandes für das Gerberhandwerk.

Um die Rinden zu Lohe verarbeiten zu können waren die Lohmühlen natürlich auf viel Wasser angewiesen, ebenso wie die Gerber selbst, die ihre Felle „wässern“ mußten, damit das spätere Leder weich und geschmeidig würde. Dies führte insbesondere an kleineren Flüssen und Bächen häufig zu Disputen mit den Getreidemühlen, deren Mahlwerk ja ebenfalls vorwiegend mit Wasser angetrieben wurde.

Zum Wässern wurden die Felle an einen Pfahl im Wasser gebunden, was wohl auch den noch heute verbreiteten Spruch erklärt „jemand sieht seine Felle wegschwimmen“.

 

Die verbreitetesten Gerber waren

  • die Weißgerber
    Sie stellten helles feines Leder (bspw. aus Ziegenhaut) für edle Kleidungsstücke wie beispielsweise Handschuhe her.
  • die Lohgerber oder Rotgerber
    Hauptsächlich gehören Rinderhäute zu ihrem Repertoire, die mit Lohe zu robusten Lederarten verarbeitet wurden (für Schuhe, Sättel ect.).
  • die Sämischgerber
    Bei ihnen wird mit Fischtran gegerbt um robustes und dennoch geschmeidiges Leder zu erhalten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die bekannte „Hirschlederne“, die bayrische Lederhose.

 


Das Gerben

Das Gerben ist harte und unangenehme Arbeit. Sie beginnt mit der Säuberung der Felle. Dafür mußte die Fleischseite erst einige Wochen in Salz eingelegt werden, um dem noch haftenden Fleisch das Wasser zu entziehen. Danach wurden die Häute erstmals in frischem Wasser (Bach) einige Tage eingeweicht, um das Salz wieder auszuwaschen. Es folgte die Enthaarung in einer Kalkbrühe („Äscher“), was eben zwei Wochen dauerte.

Erst anschließend begann man die Bearbeitung der Häute mit Haareisen, Scherdegen und anderen speziellen Schabmessern bei der sämtliche noch vorhandenen Haare und Fleischreste entfernt wurden. Dies ist eine der wichtigsten Aufgaben des guten Gerbers, da gar zu schnell mit den scharfen Eisen ein Riss im Leder entstehen konnte. Auf diese Bearbeitung folgte ein weiteres Salzbad zur endgültigen Säuberung.

Erst jetzt begann die eigentliche Konservierung. In großen Gruben wurden die bearbeiteten Häute nun mit Lohe bzw. dem jeweiligen Gerbmittel aufgeschichtet und die volle Grube dann mit Wasser aufgefüllt, was den Gerbprozess in Gang setzte. Je nach Lederart konnte dieser Prozess zwischen einigen Wochen, aber auch Monate und Jahre dauern, was erklärt, warum die Gerber mehrere, manche sogar bis zu 20 Gruben für ihre Arbeit brauchten. War das gewünschte Gerbergebnis erzielt, wurden die Häute erneut mehrfach gewaschen, gebürstet, getrocknet und geglättet.

Die mit dem Gärprozess verbundenen Gerüche ebenso wie der Geruch nach faulenden Haut und Fleischteilen bei der vorigen Verarbeitung (diese wurden für die Leimherstellung aufbewahrt) und nicht zuletzt die allgemeine Abfallentsorgung in diesen Zeiten möchte man sich heute lieber nicht mehr vorstellen müssen. Doch auch zu damaligen Zeiten fühlten sich nicht wenige davon gestört, weshalb die Gerber zumeist eigene Straßen nur mit Gerbereien, eher ausserhalb des eigentlichen Stadtgeschehens hatten.

An den Arbeitsprozessen an sich hat sich bis heute nicht viel geändert, doch wird heute beispielsweise der Urin in der Lohe durch reinen Harnstoff ersetzt. Auch sind die heutigen Betriebe anders aufgebaut, so dass in der Regel die Geruchsbelästigung für das Umfeld in einem angemessenen Rahmen bleibt.

 

In des Leders Werdegang
ist die Hauptsach der Gestank.

Kalk, Alaun, Mehl und Arsen
machen’s gar recht weiß und schön.

Eigelb, Pinkel, Hundeschiete
geben ihm besond’re Güte.

Drum bleibt stets ein Hochgenuss
auf den Handschuh einen Kuss.

Alter Gerberspruch

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