Nachhaltigkeit – auch im Umgang mit Menschen – Flüchtlinge willkommen

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Unglaublich, was derzeit in unserer nahen Umgebung passiert. Aus gegebenem Anlass nimmt das Herbaversum heute entgegen der sonstigen Gewohnheiten ein politisches Thema auf: #refugeeswelcome – #BloggerfuerFluechtlinge .

Blogger für FlüchtlingeIch habe lange überlegt, ob ich die aktuelle Flüchtlingsfrage zu einem Thema im Herbaversum machen sollte. Grundlegend ist die Thematik unseres Blogazines nicht politisch motiviert – und doch gibt gerade der Ansatz der Nachhaltigkeit für eine bessere Zukunft anhand dem Lernen über altes Wissen einen maßgeblichen Grund, nicht länger zu schweigen.

 

Ich gebe zu, ich bin verunsichert.

 

Doch mich verunsichert weniger die Tatsache, dass fremde Menschen in unser Land strömen und sich hier – aus welcher Motivation heraus auch immer – ein besseres Leben suchen. Meine Verunsicherung beruht auf dem Umstand, wie wir Menschen in den heute ohnehin so unsicheren Zeiten gespalten werden. Dabei bedarf es nur weniger Blicke in die Vergangenheit, um sich vor Augen zu führen, wie eng das Thema Flucht und Verfolgung mit der Geschichte jedes einzelnen von uns verbunden ist.

Meine eigene Existenz beruht auf Menschen, die irgendwann in ihrem Leben geflohen sind. Die Wurzeln einer Familienseite verlieren sich auf dem Fluchtweg von Danzig nach Hamburg zur Zeit des zweiten Weltkrieges, der andere Familienzweig reagierte kurzfristig von Gera aus auf die später Lügen gestrafte Aussage eines bekannten DDR-Politikers „Kein Mensch hat vor eine Mauer zu bauen“ und floh vor der gerade beginnenden Grenzschließung.

Was wäre geschehen, wenn diese Menschen meiner Familie nicht geflohen wären? Wenn sie keine Hilfe und Unterstützung erhalten hätten, sich ein neues Leben aufzubauen? Könnte ich dann heute hier an meinem Laptop sitzen und meinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdienen? Wie hätte sich mein Leben entwickelt und vor allem: Gäbe es mich überhaupt?

Ich bin sicherlich nicht das, was man im materiellen Sinn als reich bezeichnen würde. Doch ich bin reich an Möglichkeiten, mir eine Zukunft zu schaffen, aufzubauen, zu verändern und zu verwirklichen, wie ich das möchte. Und wie ich es mir für meine Kinder wünsche. Es gibt vieles, was mich in unserer Gesellschaft und an unserer Regierung frustriert. Bei dem ich mir vorstellen könnte, wie es besser laufen müsste, ohne zu wissen, ob ich damit richtig liege. Und vieles, bei dem ich versuche, wenigstens im kleinen etwas zum Besseren hin zu verändern. Sei es der Umweltschutz, sei es das nachhaltige Handeln und Leben.

Doch die Bilder, die sich in meinem Kopfkino entwickeln, wenn ich mich anhand der derzeitigen Nachrichten in die Situation eines Flüchtlings hineinversetze, erfüllen mich mit Grauen.

Die Stimmung ist explosiv in den Flüchtlingsheimen und die Bewohner aggressiv?
Klar! Die meisten dieser Menschen sind traumatisiert, haben auf der Flucht ein Kind, einen Mann, eine Frau oder die ganze Familie verloren. Sie sind eingeengt auf engstem Raum und trotz vieler helfender Hände oft nur mit dem Nötigsten versorgt. Ganz zu schweigen von den vielfältigen Eindrücken und Erlebnissen, mit denen die Betroffenen klarkommen lernen müssen. Würde jemand eines meiner Kinder anfassen und ich könnte es nicht schützen, wäre ich bei aller Nächstenliebe vermutlich für den Rest meines Lebens unberechenbar.

Die nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg?
Wenn ein Mensch ohne Sprachkenntnisse aus einem bedrohten Umfeld kommt und in der Lage ist, einen Job besser zu erfüllen als jemand, der sein Leben lang freien Zugang zu Bildung hatte, dann läuft wohl eher etwas anderes falsch.

Die sollen wieder „zurück geschickt“ werden?
Oh, ich glaube, ein großer Teil der Flüchtlinge würde mit Hand-Kuss und dicker Zinsenzahlung für alle erhaltenen Wohltaten wieder nach Hause fahren, wenn er/sie die Chance dafür sehen würde, die dortigen Missstände zu beseitigen. Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort ist immer die beste Lösung, die sich vermutlich auch die größte Zahl der Flüchtlinge wünschen wird. Doch was über Jahre und Jahrzehnte in einem Land schief gelaufen ist, lässt sich nicht mal eben wie bei einem PC mit einer Formatierung beheben.

Die meisten sind ja ohnehin nur „Wirtschaftsflüchtlinge“? Die kommen, um sich auf unsere Kosten ein gutes Leben zu machen?
Mag sein, dass einige der Menschen aus wirtschaftlichen Gründen hier sind. Doch alle über einen Kamm zu scheren ist ebenso bescheuert wie zu behaupten, dass alle Hartz IV-Empfänger und Armen in unseren Breiten selbst schuld an ihrer Situation sind und alle Reichen unseres Landes dies nur durch betrügerische Aktionen oder große Erbschaften geschafft haben.

Keiner von Euch ist gezwungen, jeden einzelnen Flüchtling zu mögen. Auch im persönlichen Umfeld hat man immer Menschen, die man mag und solche, die man am liebsten von hinten sehen möchte. Doch es sind immer Menschen. Der logistische Aufwand zur Erfassung der Flüchtlinge und ihrer individuellen Situationen ist riesig und wird seine Zeit benötigen. Und es wird garantiert viele Abschiebungen geben. Und vermutlich wird es sehr oft die „Falschen“ treffen.

Beschwert Euch – aber bei den Richtigen!

Beschwert Euch bei denen, die Euch den Eindruck vermitteln, diese Menschen würden mehr erhalten, als die alleinerziehende Mutter, den nach langen Jahren harter Arbeit verarmten Rentner oder den unverschuldet in eine schwierige Situation geratene Familienvater. Beschwert Euch bei denen, die Gesetze mit weltfremden Blickwinkeln erlassen und die sich mit ihren dicken Diäten hinter einem Schutzwall an professionellen Redenschwingern und bürokratischem Mist verstecken, anstatt sich der landeseigenen Probleme anzunehmen. Und das nicht nur bei uns. Die Flüchtlingsströme sind nur ein Symptom in der suspekten Wegen folgenden Weltpolitik.

Doch diese Unfähigkeit in der inländischen Problemlösung hat nur bedingt mit der aktuellen Situation der Flüchtlinge zu tun. Das Gegenteil ist der Fall: Die Situation der Flüchtlinge wird durch diese Unfähigkeit verstärkt.

Ich habe vor einigen Jahren einen Text gelesen, der mich sehr beeindruckt hat. Damals ging es um die Atompolitik, doch ein Abschnitt daraus lässt sich auf so viele andere Bereiche übernehmen.

So auch auf die aktuelle Flüchtlingspolitik und die Organisation der Hilfe, deren Vorbereitung hätte anders laufen müssen – spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem klar wurde, dass immer mehr Menschen in den Kriegsgebieten der Welt ihre Heimat verlassen müssen und den Weg in die europäischen Länder und somit auch Deutschland wählen. Und dass die Politiker sehr viel mehr über die Hintergründe und die zu erwartenden Flüchtlingsströme wussten als der kleine Bürger, dessen bin ich mir gewiss.

Doch alles, was wir erfuhren waren

Beschwichtigung von Ignoranten.
sie sehen nichts,
sie hören nichts,
sie lernen nichts,
sie haben nur gelernt, wie man Wahlen gewinnt.

Was haben wir gelernt?
Es reicht nicht, gegen das Informationschaos
Und den Beschwichtigungsnebel der Regierung zu protestieren.
Es reicht nicht, mehr Schutz und Sicherheit zu fordern.
Es reicht nicht,
weil uns so eindrucksvoll wie noch nie bewiesen wurde,
in welchem Ausmaß die Politiker
der Lage nicht gewachsen sind.(Zitat*)

Leider ist der letzte Satz heute nicht mehr ganz stimmig. Immer wieder erfahren wir, nicht zuletzt aufgrund der sozialen Medien, sehr viel schneller und öfter davon, dass Politiker und Entscheidungsgremien versagen.

Und es kann doch nicht sein, dass die fehlende Handlung und das Schweigen der Verantwortlichen wirklich darin münden, Hassparolen und Gewalt gegen diejenigen zu schleudern, die am wenigsten für die Situation bei uns können… und vielmehr noch jeden, der hier lebt anhand eigener Erlebnisse und Erfahrungen für „einen reichen und glücklichen Mensch“ halten müssen.

Wie kann es sein, dass statt der Politik, die sich träge mit einzelnen Presseterminen zu Wort meldet, ganz andere mobil werden und Aufgaben übernehmen, die eigentlich von ganz anderer Stelle gelöst werden müssen.

Blogger für FlüchtlingeDie Medienlandschaft ist in Aufruhr und sorgt unter dem Hashtag ‪#‎refugeeswelcome‬ für eine Klarstellung der eigenen Position. Engagierte Blogger haben darüber hinaus die Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ ins Leben gerufen und geben hilfewilligen Menschen Anhaltspunkte, wo ihre Unterstützung benötigt wird – https://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/
Spenden werden über die Plattform Betterplace.org gesammelt.
https://www.betterplace.org/de/fundraising-events/bloggerfuerfluechtlingei

Somit erhält der Begriff der „sozialen Netzwerke“ mit solchen Aktionen eine völlig neue Bedeutung.

Die Schauspielerin und Autorin Lucie Marshall alias Tanja Neufeldt berichtet derzeit auf ihrem Blog von den persönlichen Kontakten zu einigen Flüchtlingskindern, mit denen sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten Zeit verbringt.

Simone von Kiko Kinderkonzepte engagiert sich ebenfalls bei der Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ und berichtet von ihren eigenen Plänen (und Taten) zu helfen sowie einer Liste an Vorschlägen, die der Einzelne tun kann.

Stadt-Land-Mama Lisa veranstaltete ein Gartenfest für einige Flüchtlinge, die einfach mal für ein paar Stunden Kraft und Freude tanken können sollten.

Tollabea alias Béa Beste nutzt ebenfalls ihre Bekanntheit, um nicht nur über die Flüchtlingshilfen, sondern auch über die Emotionen eines Flüchtlings zu informieren – mit sehr offenen Beiträgen aus ihrer eigenen Vergangenheit wird beim Lesen ihrer Beiträge deutlich, wie absurd es ist, Mensch auf der Flucht zu verfluchen, anzugreifen oder gar vor diesen Menschen Angst zu haben.

Frida von 2KindChaos.com regt in ihrem Beitrag zu einer Änderung des Blickwinkels an – und spricht mir damit aus der Seele. Sind denn Kriegssituationen wirklich so weit weg? Ich persönlich glaube das nicht.

Die Bloggerin Jenny von Kind und Studium äußert ebenfalls ihre Gedanken. Sie kennt auch die Schattenseiten des Lebens und wäre somit eine, die durchaus das Recht hätte, sich zu beschweren, wenn die Flüchtlinge „so viel Hilfe“ erhalten… als alleinerziehende Mutter eines kranken Kindes und Studentin. Und doch spricht sie sehr warmherzig darüber, wie sie überlegt, selbst zu helfen.

Und diese vorgestellten sind nur einige von vielen…

 

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass sich in unserem Land vieles ändern muss. Doch fast bin ich versucht, meinem normalerweise sehr großen Optimismus wieder Nahrung bieten zu können und zu glauben, dass da gerade etwas sehr Nachhaltiges passiert. Oder zumindest passieren kann, wenn wir aufhören, uns in unserer Komfortzone zu verstecken und selbst handeln, wo andere nicht in die Gänge kommen.

Die zu uns kommenden Flüchtlinge sorgen nicht nur für eine Polarisierung, sondern auch für ein Zusammenrücken der verschiedensten Menschen, die sonst keinerlei Gemeinsamkeiten haben oder gar die gleiche Zielgruppe ansprechen.

Wie sonst ließe sich erklären, dass so unterschiedliche, auch bekannte Persönlichkeiten ohne sonst erkennbare Berührungspunkte, wie der Musiker Campino, der die Geschichten der Bibel als Argument für die Flüchtlingshilfe nennt (Video vom Konzert in Leipzig), Youtuber wie LeFloid, der in seinen Beiträgen gegen Flüchtlingshetze betreibende Schulleiter und die Vorkommnisse in Heidenau wettert (Video), und polarisierende Entertainer wie Joko & Klaas (Video „Mund aufmachen“) sich in unterschiedlichster Weise zum Thema „Flüchtlinge“ ausdrücken und eine gemeinsame Basis bieten, in der Gewaltausbrüche gegen MENSCHEN nicht länger durch „Wegschauen und Klappe halten“ akzeptiert werden.

So entsteht aus völlig unterschiedlichen Bereichen der öffentlichen Welt ein gemeinsamer Konsens, der den nachhaltigen Umgang mit Menschen in den Mittelpunkt setzt.

Denn Nachhaltigkeit ist mehr als die Corporate Social Responsibility von Unternehmen, mehr als der richtig sortierte Müll und der Verzicht auf genmanipulierte Lebensmittel und Pflanzenschutzgifte. Nachhaltigkeit entsteht da, wo man sich gegenseitig hilft. Schließlich können auch wir von vielen der heute als Flüchtlingen zu uns stoßenden Menschen lernen. Aus ihren Erfahrungen und Erkenntnissen. Aus ihren Kulturen und ihren Lebensphilosophien.

Und so schließe ich diesen Beitrag mit einem weiteren Zitat, das sich auf den aktuellen Fremdenhass beziehen lässt:

Wenn wir heute nichts dagegen unternehmen,
werden sie sich morgen bedanken
für unser Stillhalten und unsere “Vernunft”.
Jeder muss überlegen, was er tun kann.
Jeder an seiner Stelle.
Dieses Mal vergessen wir es nicht. (Zitat*)

Zumindest hoffe ich das: Wir sollten an dem festhalten, was uns verbindet – nicht an dem, was uns (scheinbar) von ihnen trennt. Und sollten wir diese Situation nicht als Chance ansehen, die Politik zum Handeln zu bewegen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und uns weiterhin wegen Hilfegesuchen und verzweifelten Menschen entzweien, ist das Thema „Krieg und Flucht“ auch in unseren Breiten nicht mehr weit entfernt.

Überlege selbst, ob wir es soweit kommen lassen wollen.
Wenn Du heute auch nur einem Menschen (ob Flüchtling oder Nachbarn) hilfst,
mag dies für die Masse der Hilfesuchenden keinen Unterschied machen.

Doch für diesen einen Menschen macht es einen großen Unterschied.

Was kannst DU tun?


 

Die mit *-gekennzeichneten Zitate stammen aus dem Beitrag „Sie haben versagt“, der am 23. Mai 1986 in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ mit Bezug auf das Atomunglück in Tscherobyl und das Verhalten der Politiker in dieser Krisenzeit veröffentlicht wurde. Als verantwortlich im Sinne des Presserechts zeichnete Inge Aicher-Scholl, die Schwester von Hans und Sophie Scholl.

Ich habe mir erlaubt, diese Zitate in ihrem Wortlaut auf die aktuelle Situation zu beziehen und damit sinnhaft leicht zu entfremden. Doch ich musste feststellen, wie sehr sie auch heute noch passend sein können.


 

 

SK-Foto
Sabrina Kirsten

 

Sabrina ist Chefredakteurin und Initiatorin des Herbaversums. Sie ist begeistert von Nachhaltigkeit in all Ihren Facetten und möchte Sie im Herbaversum einladen, sich inspirieren zu lassen und mit kleinen Dinge im Alltag die Welt ein bißchen besser zu machen.

Erfahren Sie mehr über sie und ihre Arbeit sowie weitere Beiträge aus dem Herbaversum auf ihrer Team-Seite: Sabrina Kirsten

 

 

 

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Eine Antwort

  1. Klaus-Peter
    | Antworten

    Hi, Sabrina,

    ich will Dir hier mal meine Zustimmung zu dem, was Du schreibst, ausdrücken.
    Besonders ab „Denn Nachhaltigkeit ist mehr als … “ musste ich langsam und zweimal lesen.

    Was ich als besonders kleinkariert empfinde ist, wenn Asylanten Deutsch lernen wollen und ihnen der Zugang zu Kursen verwehrt bleibt. Dabei könnten grerade hierüber Energien mobilisiert und freigesetzt werden. (Auf beiden Seiten)
    Was die Arbeitsplätze betrifft – davon haben wir ohnehin zu wenige. Aber die sind so himmelschreiend produktiv, und meist indirekt ohnehin in China…
    Das Problem ist aber auch schon „uralt“ und immer im Wahlkampf erzählt einer oder eine etwas von seiner baldigen Lösung…

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